Warum der Naundorfer Kirchturm nicht höher wurde

Feste soll man feiern, wie sie fallen – das dachten sich auch die Einwohner des Forster Ortsteils Naundorf und feiern deshalb am 30. September mit einem Dorffest den 200. Jahrestag der Errichtung des Naundorfer Kirchturmes.

Besagter Kirchturm kann auf eine lange und wechselvolle Geschichte verweisen. Dabei ist es gar nicht so einfach, genaue Daten über die vielen Ereignisse zu finden. „Es gibt kaum Aufzeichnungen zur Naundorfer Geschichte!“, weiß Wilfried Hergesell, der sich aktuell um die Chronik des Ortes kümmert. Vieles sei nur mündlich überliefert worden, ein paar Artikel sind nach 1900 im „Sacroer Kirchenblatt“ veröffentlicht worden. Auch in alten Ausgaben des „Forster Tageblatts“ wurde man fündig.

So ist bisher nur bekannt, dass die Naundorfer Kirche im 17. Jahrhundert aus Feldsteinen erbaut wurde. Zwischen 1770 und 1772 wurde das Kirchendach umgedeckt und es fanden am Kirchturm größere Ausbesserungen statt, die damals 9 Taler kosteten. „Vermutlich gab es damals nur einen Holzturm mit einer darin befindlichen Glocke.“, so Wilfried Hergesell.

Als man am 3. September 1934 im Zuge einer erneuten Umdeckung des Kirchendaches die Turmkugel öffnete, fand man darin eine Urkunde, die jedoch zu gut einem Drittel nicht mehr lesbar war. Einschusslöcher in der Kugel ließen Feuchtigkeit und Insekten eindringen, die das Papier in Mitleidenschaft zogen. Das „Forster Tageblatt“ veröffentliche damals in einer Ausgabe den Wortlaut des noch lesbaren Teils dieser Urkunde. So ist zu erfahren, dass der Turmkopf zuvor auf dem Kirchturm in Niederjehser stand. Als dort ein neuer Turm gebaut wurde, wurde der alte Turmkopf mitsamt der Spille und des Sterns vom „Gräfl. Bauinvestor Herrn Straßer“ restauriert, neu angestrichen und vergoldet. Am 9. August 1818 wurde der Turmkopf „unter göttlichen Beystand“ auf den Naundorfer Turm gesetzt. Die Kosten übernahm die Gemeinde – wieviel, ist nicht überliefert. Der Gutsbesitzer von Bohrau, Karl Reinhold Würk, bewilligte außerdem, dass von einer ihm gehörenden Gruft auf der Südseite der Naundorfer Kirche Mauer- und Dachsteine für den Turmbau benutzt werden dürfen. So sollen über 2000 Feldsteine verbaut worden sein. Die Gruft war die Grabstätte derer von Rabenau, einer alten Bohrauer Gutsherrschaft (die Gemeinde Bohrau war damals in die Naundorfer Kirchgemeinde eingepfarrt). Im Napoleonkrieg wurde die Gruft von Kosaken geplündert und damit wertlos.

Aus der Urkunde geht auch hervor, dass der Kirchturm ursprünglich viel höher gebaut werden sollte als er sich heute darstellt. Das „Forster Tageblatt“ zitiert: „Aber die Bauleute, deren Namen dank der Beschädigung der Urkunde im Dunkeln bleiben, hatten sich so fleißig in der nebenan liegenden Schänke… zur Arbeit gestärkt, daß ihr Lohn zur Bezahlung dieser Genüsse nicht ausreichte. Daher kamen sie auf den praktischen Gedanken, ihre Kneipschulden einfach mit Baumaterial zu begleichen… Der Erfolg war dann, daß das Holz für die auf dem Plane gezeichnete Höhe des Turmes nicht mehr ausreichte!“

Im Inneren des Kirchturmes fallen zwei große Grabsteine auf, deren Inschrift schwer zu entziffern ist. 1908 wurden sie auf dem Friedhofsgelände entdeckt,gesäubert und in den Kirchturm eingebaut. „Auch die Orgel in der Kirche ist eine Rarität in der Niederlausitzer Orgellandschaft“, weiß Wilfried Hergesell zu berichten. 1902 wurde sie aus 2. oder 3. Hand für 700 Reichsmark gebraucht gekauft. Den zweiten Weltkrieg überstand die Orgel unbeschädigt, lediglich die Orgelpfeifen wurden damals zweckentfremdet. Im nächsten Jahr soll die Orgel von Grund auf restauriert werden.

Über die Herkunft der verbauten Feldsteine wundert sich der Ortschronist: „Hier in der Gegend gibt es kaum Feldsteine, die mitunter riesigen Steine müssen damals von weiter her antransportiert worden sein.“, vermutet er.

Zuletzt fanden 1998 Maler- und Dachdeckerarbeiten an der Naundorfer Kirche statt. Nun, 20 Jahre später, ist erneut Zeit für einen Eintrag in die unvollendete Chronik des Gebäudes. Das Jubiläum des 200. Jahrestages der Errichtung des Naundorfer Kirchturmes beginnt um 13:00 Uhr mit der Eröffnung des Dorffestes auf den Festplatz direkt neben der Kirche. Daran schließt sich ein Festgottesdienst in der Kirche an, ehe ab 15:00 Uhr bei Blasmusik, Spanferkel und Spiel und Spaß für alle Generationen auf dem Festplatz weiter gefeiert wird.

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.